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Prediger Salomo Kap.9, Vers 7-10

So geh hin und  iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit deinem Weibe, das du liebhast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne. Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.

 

RRB: Merkwürdige Worte, die wir hier in der Bibel lesen. Das Leben genießen, das auskosten, was die Welt an Genüssen zu bieten hat. Das passt so gar nicht in meine Vorstellungen vom christlichen Glauben. Glaube - das ist für mich viel eher verbunden mit Entsagung, mit Fasten, mit Verzichten. Sich selbst aufopfern und Gutes für andere tun - aber nicht zuerst an sich selbst denken und das eigene Wohlleben sichern. Das ist doch ein ganz starker Teil unserer Tradition: die Warnung davor, sich nicht zu sehr auf diese Welt einzulassen, sich nicht von ihren Genüssen verführen zu lassen. Und jetzt begegnen uns diese Worte, die doch genau das Gegenteil sind.

Wie soll ich das zusammen bekommen?

AZ: Du hast Recht, dass die Worte für uns Christen erstmal fremd klingen. Wir haben doch immer das Gebot der Nächstenliebe im Ohr und nun schreibt einer: Genieß das Leben! Carpe diem!

Ich versuche mir vorzustellen, wie der Text entstanden ist. Ich habe einen Mann vor Augen, der eines abends unter einem Baum sitzt und über das Leben nachdenkt. In seiner eher depressiven Stimmung stößt er auf die Frage nach dem Glück in seinem Leben. Er fragt sich, ob er überhaupt glücklich ist und was dazu gehört. Dann zählt er schnell die die vielen Genüsse des Lebens auf. Er startet ja regelrecht einen Aufruf: Wenn ihr glücklich werden wollt, seid euch selbst der Nächste und genießt das Leben; wer weiss, was da noch kommt.

Beruhigt ihn das?

Spannend wird der Bibeltext für mich, wenn ich ihn als Anfrage verstehe. Es ist die Anfrage nach meinen Vorstellungen vom Glück im Leben. Lässt sich das "Carpe diem! Nutze den Tag" überhaupt mit unserem Glauben vereinbaren und beruhigt es uns?

NP Also : als ich den Text las und mir vorstellte, ich würde dort in der Gemeinde sitzen und den als Predigttext hören, da hätte ich bestimmt gedacht : Eieiei, ganz schön schwieriger Text, ich bin gespannt, wie der Pastor das auslegen wird - und ich hätte mich voller Erwartung darauf zurückgelehnt. Nun sitze ich nicht in der Gemeinde, sondern muß mich selbst mit dem Text beschäftigen - und dabei stelle ich zunächst einmal fest, dass das wirklich nicht einfach ist !

Du, Ralph, hast gesagt , die Warnung davor, sich nicht zu sehr auf diese Welt einzulassen, sich nicht von ihren Genüssen verführen zu lassen, sei ein ganz starker Teil unserer Tradition und Du, Alexandra, fragst vor dem gleichen Hintergrund :  Läßt sich das "Carpe diem! Nutze den Tag" überhaupt mit unserem Glauben vereinbaren und beruhigt es uns?

Ich versuche ´mal eine erste Antwort : Ja, wir habe eine Tradition, der wir uns verbunden fühlen und deshalb sind wir versucht zu sagen : es läßt sich eben nicht mit unserem Glauben vereinbaren, das Leben so zu genießen, wie es anfällt. Aber ist das wirklich so ? Müssen wir nicht auch - um den Sinn des Lebens oder das Glück im Leben erkennen zu können - Erfahrungen sammeln ? Müssen wir nicht unsere Sinne trainieren ? Und kann man das nicht wirklich am besten, indem man alle Möglichkeiten, die sich bieten, ausnutzt ?

 

RRB: Mir bleibt das Bild hängen, das du, Alexandra, verwendet hast: der reifere Herr, der abends unter seinem Baum auf der Bank sitzt und nachdenkt. Erfahrungen, von denen du, Norbert, sprichst hat er wohl viele gesammelt in seinem Leben. Vielleicht war er ja nicht nur im Beruf erfolgreich und hat gutes Geld verdient. Vielleicht hat er dabei auch noch seine Ideale gehabt, sich einmal für etwas sehr stark engagiert, eingesetzt.Vielleicht wollte er etwas Bleibendes schaffen. Wer träumt als Jugendlicher nicht davon, einmal die Welt zu beeindrucken oder sie gar zu verändern. Das Elend zu bekämpfen und etwas Sinnvolles aufbauen.

All diese Ideale, die Träume, die Hoffnungen und Wünsche - sie liegen nun vor ihm wie Bilder, die aus einem Karton gefallen sind und er versucht daraus ein Gesamtbild seines Lebens zu machen. Aber es scheint ihm nicht zu gelingen. Er hat nur Bruchstücke und bekommt sie nicht zusammen. Und deswegen hält er sich an die Grundfreuden des Lebens: Essen, Trinken, Kuscheln.

Ich frage mich, was ihm fehlt, um einen Sinn für das Ganze zu bekommen.

 

AZ: Ich bleibe mal bei dem Mann, den Du Ralph gerade beschrieben hast. Für mich ist der Mann auf der Flucht. Er flieht vor seinem eigenen Leben, bzw. dem Ende seines Lebens. Er kann die Bruchstücke nicht zusammenfügen und nun kommt die Angst, es vielleicht nicht mehr zu schaffen. Er hat Angst zu sterben, bevor er aus den Bruchstücken etwas Bleibendes machen konnte, etwas Unvergessliches. Jeder möchte in seinem Leben etwas erreichen, was ihn unvergesslich macht, was ihn weiterleben lässt. Er schiebt seine Träume und Hoffnungen zur Seite und hält sich nun an die Grundfreuden des Lebens. Das ist einfacher.

Mir kam dabei noch ein anderes Bild in den Sinn. Rainer Maria Rilke beschreibt in einem Roman einen Mann, der daran zerbricht, dass er seine letzten Tage zählt. Dieser Mann hatte eines Tages die Idee sich auszurechnen, wie viel Zeit ihm wohl noch zum Leben bleibt. Ab dem Zeitpunkt hat er jeden Sonntag Bilanz gezogen. Er hat die Stunden und Minuten der vergangenen Woche von seiner ausgerechneten, durchschnittlichen Lebenszeit abgezogen.

Es war erschreckend, wie schnell der Vorrat seiner Lebenszeit zu schwinden begann. Je mehr er darüber nachgedacht hat, umso weniger hat er gelebt.

Beide Männer fliehen vor dem Ende des Lebens.  Der Gedanke an die noch verbleibende Zeit macht sie unfähig, diese sinnvoll zu nutzen. Sie fliehen, statt zu suchen. Ich frage mich, ob sie nicht vor demjenigen fliehen, der die Grundfreuden und die Bruchstücke des Lebens verbinden kann, vor demjenigen, der unsere Lebenszeit nicht zu einer Wahrscheinlichkeitsrechnung macht.

 

NP: "denn bei den Toten, zu denen Du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit."  Die vermeintliche Gewißheit, daß mit dem Tod alles endet, daß alles - auch wir - vergänglich ist, diese fehlende Perspektive ist es, die den Verfasser des Textes ihn tiefe Resignation stürzt. Die Konsequenz für ihn : wenn sowieso schon nichts bleibt, dann kann ich das Leben auch so genießen, wie es kommt. Es gibt ja nichts, was man für später, für "nach dem Tod", bewirken kann, weil es kein später gibt.

Eine erschreckende Einstellung, wenn sie stimmte. Erschreckend deshalb, weil der Sinn des Lebens darin bestünde, zu essen, zu trinken, zu arbeiten, zu schlafen, zwischendurch zu genießen und irgendwann zu sterben. Moralische Instanzen gibt es dabei nicht. "Alles, was Dir vor die Hände kommt , es zu tun mit Deiner Kraft, das tu;" - Würde uns das zufrieden stellen ? Fehlt da nicht etwas ? 

Was meinen Sie, liebe Gemeinde ?  Fehlt da nicht so etwas wie Orientierung ? Perspektive ? Vision ? Glaube ?

Du sprachst eben von der Unfähigkeit, Alexandra, verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen und Ralph, Du fragtest Dich, was dem Mann fehlt, um einen Sinn für das Ganze zu bekommen. Beide benutztet Ihr das Wort "Sinn". Was braucht der Mensch wirklich zum Leben ? Was braucht er, um seinem Leben Sinn zu geben ? Reichen Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten  und Genießen ? 

RRB: Nein, das reicht in der Tat nicht! Wir Menschen sind dazu verurteilt, nach einem Sinn für unser Leben zu suchen. Aber ich finde, es ist unglaublich schwer, wirklich konkret zu benennen, was mein Sinn ist. Ich weiß noch, wie ich als Jugendlicher so mit 17 Jahren zur Evangelischen Jugend und damit zum Glauben gefunden habe. Das war wie eine Art Erleuchtung. Plötzlich  habe ich gespürt, dass mein Leben einen ganz neuen Sinn bekommen hatte. Aber es war unmöglich, das in Worte zu fassen, was dieser Sinn war. Ich weiß noch, welche Diskussionen es mit Mitschülern gegeben hat - Religiös sein war damals nicht gerade modern oder cool. Und wenn man dann den Spöttern gegenüber argumentieren wollte, dann war das sehr schwer, genau zu sagen, was den Glauben ausmachte. Ich hätte es selber gerne ganz konkret gehabt: das und das macht den Sinn aus, den ich im Glauben gefunden habe. Aber alles Konkrete hat mit dieser Welt zu tun - mit Arbeit, mit Liebe, mit Familie.

Und alles, was mit dieser Welt zu tun hat, ist der Vergänglichkeit unterworfen. Vergänglich ist eben nicht nur das materielle - Essen, Trinken, Arbeiten und Genießen. Vergänglich ist auch das, was mit Liebe, mit Beziehung zu Menschen zu tun hat.

Unvergänglich ist nur Gott selber.

Damit bin ich wieder bei dem, was Alexandra angesprochen hat: Es macht Sinn, den zu suchen, der unsere Lebenszeit in seinen Händen hält.

Fällt euch ein, wie das aussehen könnte?

 

AZ: Ich kann dir nur zustimmen. Alles Konkrete, jeder Versuch den eigenen Glauben zu beschreiben, hat mit dieser Welt zu tun. Deshalb kann eine Beschreibung von demjenigen, der unsere Lebenszeit in den Händen hält auch nur mit unseren Worten und unseren Bildern geschehen. Und ich glaube, dass sich diese Bilder und Worte immer wieder verwandeln. Für verschiedene Lebenssituationen brauchen wir andere, neue Worte und manchmal können wir auch nur schweigen.

Wenn du mich heute nach einem Bild fragst, fallen mir besonders Kinder ein. Ich habe ein kleines Kind vor Augen, das nach einem langen Tag sich auf den Schoss seiner Mutter oder seines Vaters setzt. Es lehnt sich zurück, erzählt vielleicht noch eine Zeit von den Ereignissen des Tages, langsam wird es ruhiger und schläft dann ein. Ganz im Vertrauen auf seine Eltern lässt es sich langsam in ihre Arme sinken und wird dort aufgefangen. Es vertraut auf die Liebe seiner Eltern und lässt sich ihre Zuwendung gefallen. Es hat keine Angst und kann sich einfach fallen lassen. Diese Beziehung zwischen dem kleinen Kind und den Eltern spiegelt für mich einen Teil meiner Beziehung zu Gott wieder. Ich vertraue darauf, dass ich mich bei ihm fallen lassen kann, dass er für mich da ist. Ich brauche keine Angst haben, dass mir etwas passiert.  Er ist bei uns und fängt uns immer wieder in seinem Arm auf. Und diese Liebe, in der wir aufgefangen werden, hört nicht auf.

Meine Hoffnung ist, dass wir Gott unser Leben anvertrauen können, dass er unsere Lebenszeit wirklich in seinen Händen hält. Ich glaube, dass er alle Bruchstücke, die wir in unserer Kiste versteckt halten, wie ein Puzzle zusammenfügt. Zu den Bruchstücken gehören für mich der gute Wein und das volle Leben, ebenso wie die schweren Gedanken über den Sinn des Lebens.

Wie sieht für Dich Norbert eine gute Beziehung zu Gott aus, die uns trägt?

 

NP : Eine gute Beziehung zu Gott ? Ihr sagt beide, daß sich in unserem realen Denken und Tun auch unsere Beziehung zu Gott wiederspiegelt.  Gott ist also in uns, aber auch in der Welt, in der klaren Struktur eines Bergkristalls, in der Schönheit einer Rose oder in der Macht eines Wasserfalls ist. Für mich ist eine gute Beziehung zu Gott geprägt durch eine gute Beziehung zu meinen Mitmenschen, durch Achtung, Respekt und Demut vor der Schöpfung und durch verantwortungsvolles Umgehen damit.  

"Was Ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt Ihr mir getan" - So sagt es Jesus, und so kann ich eine gute Beziehung zu Gott aufbauen : meinen Nächsten lieben, denen, die Hilfe brauchen - helfen, Verantwortung tragen und Vertrauen geben. Dadurch wächst automatisch die Qualität der Beziehung zu Gott und auch die Erkenntnis darüber. 

Du hast recht Alexandra: das schließt den guten Wein und das volle Leben nicht aus. Aber erst die (gute) Beziehung zu Gott gibt dem Ganzen Tiefe und Sinn.  

Amen

Diese Predigt wurde am Männersonntag in unserer St. Andreas Kirche von Vikarin Alexandra Ziemer, Lektor Norbert Peche und Pastor Ralph-Ruprecht Bartels gehalten


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