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Nachgedacht

Diese Bilder wird man wohl nie wieder los. Zwei Flugzeuge rasen in die beiden Hochhäuser hinein, Menschen springen aus lauter Verzweiflung in die Tiefe, wie ein Kartenhaus fällt das World Trade Center in sich zusammen. Nein, es war kein gekonnter Trick von Steven Spielberg, es war kein Spezialeffekt aus einem James Bond Film. Es war die Realität, brutale Realität, in der es kein Happy End gibt.


Selten wurde eine Katastrophe so minutiös dokumentiert. Wir erleben es geradezu mit und können uns dem nicht entziehen. Immer wieder muss man die Bilder des Grauens sehen, um zu erfassen, was da geschehen ist.
Und hinterher merkt man, dass man nicht fertig wird mit dem, was da geschehen ist. Wohin mit dem Entsetzen, mit der Trauer, dem Mitgefühl? Wohin mit der Wut und der Empörung? "Großer Gott, steh uns bei!" betet eine Tageszeitung auf der Titelseite. Wir läuten zum Gedenken an die Toten und Verwundeten und öffnen unsere Kirche, um Raum zu geben für gemeinsame Besinnung. Überall finden Gedenkfeiern statt. In einer zweiten Grundschulklasse reden Kinder von den Ängsten, die diese Bilder bei ihnen ausgelöst haben. Dann werden 25 normalerweise sehr zappelige Kinder für eine Minute vollkommen still - vielleicht wird dieser Terroranschlag für sie das erste Ereignis der Weltgeschichte sein, das sie bewusst miterlebt haben: Vielleicht werden sie sich auch als Erwachsene noch daran erinnern können, wie ihr Vertrauen in die Sicherheit und Verlässlichkeit der Welt erschüttert wurde.


Mein Blick fällt auf ein Bild, das in meinem Arbeitszimmer hängt. Ich habe es vor zehn Jahren im Innenhof des Vatikans in Rom aufgenommen. Ein Kunstwerk, bei dessen Anblick mir der Atem stockte. Eine riesige Kugel aus leuchtendem Gold. Aber an einigen Stellen ist das Gold aufgeplatzt, weggesprengt. Darunter kommt etwas hervor, das bedrohlich wirkt. Es erinnert an die tödlichen Zähne eines Monstrums, an etwas, das zufassen und zerstören kann. Nur eine dünne Schicht verdeckt das, was Tod und Verderben bringen kann.


Dieses Bild ist mir in diesen Tagen wieder zum Gleichnis geworden. Unsere Welt ist eine schöne Welt, sie ist kostbar und es macht Spaß, in ihr zu leben. Aber für die Menschen in New York hat sich das am 11. September schlagartig verändert. Die goldene Oberfläche ist eingebrochen und das Grauen, das darunter liegt, hat sein häßliches Gesicht gezeigt. Wir, die wir Tausende von Kilometern von diesem Geschehen entfernt leben, ahnen, dass es uns in gleicher Weise treffen könnte. Die goldene Kruste der Welt ist nur eine dünne. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Von einem Moment auf den anderenkann etwas geschehen, das alles durcheinander bringt. Manchmal braucht es nur ein paar fanatisierte Menschen, die alle Skrupel verloren haben, um das zu zerstören, was unsere Welt lebenswert macht.


Die verwundete Welt stellt uns vor eine Entscheidung: wollen wir uns zurückziehen auf die heilen Gebiete? Wollen wir das Grauen ignorieren und uns an dem erfreuen, was noch golden glänzt? Oder wollen wir alles dran setzen, um das zu reparieren, was eingebrochen ist, was weggesprengt wurde?


In vielen Gesten und Aktionen, in Gebeten und im Gedenken ist etwas in den letzten Tagen geschehen, das eine Antwort gibt: Wir halten daran fest, dass diese Welt gut ist, dass es schön ist in ihr zu leben. Wir halten daran fest, damit das Grauen sich nicht ausbreiten kann. Wir wissen, dass der Boden, auf dem wir stehen, dünn ist. Aber wir lassen uns nicht entmutigen.


Als Christen versuchen wir immer wieder über diese Welt hinaus zu sehen. Wir fragen nach der Wirklichkeit Gottes, die höher ist als unsere Vernunft und Erkenntnis. Wir setzen unsere Hoffnung auf Gott und auf sein Reich. Das hilft uns, in dieser Welt zu leben - das macht uns leicht - leicht genug, um nicht einzubrechen!


Ihr Ralph-Ruprecht Bartels

 

 

 


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